Der Trader Flow
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Im März 2011 veranstalte ich gemeinsam mit Andy Fritsch ein dreitägiges “Intensiv Mental Seminar” für Trader. Passend zum Thema stellt mir Andy einige Gedanken zum Thema: “Trader Flow” zur Verfügung. Danke für diese lesenswerten Zeilen!
Ich bin voll im FLOW!“ Vielleicht haben Sie so eine Aussage schon mal gehört. Ein Mensch, der in seinem FLOW ist, geht ganz in seiner momentanen Tätigkeit auf. Er ist voll und ganz bei sich und bei seiner Sache. Voll und ganz im Hier und Jetzt. Dieser FLOW-Zustand ist ein Idealzustand völliger Konzentration, der sämtliche fürs Trading relevanten körperlichen und mentalen Voraussetzungen aktiviert. FLOW sorgt für mehr Dopamin und Serotonin im Blut und beide stärken wiederum den FLOW. Ein spannender Kreislauf beginnt!
Der FLOW-Zustand ist eines der grössten Trader-Erfolgs-Geheimnisse! Zunächst ein paar Hintergründe:
Mihaly Csikszentmihalyi (1) hat FLOW als den (permanenten) Kanal zwischen Überforderung und Unterforderung beschrieben. Besonders deutlich sichtbar wird dieser FLOW-Kanal im Grenzbereich des Hochleistungssports.
Gerade in solchen oft lebensbedrohlichen Extremsituationen kann man immer wieder feststellen, dass Menschen mit einem unglaublichen Mass an Gelassenheit, völliger Konzentration und Aufmerksamkeit wie versunken agieren. Sie haben ihren persönlichen FLOW-Zustand erreicht.
Der deutsche Extrembergsteiger Alexander Huber ist ein Beispiel für die Leistungsfähigkeit in diesen Grenzbereichen. Der Kletter-Profi, der die extreme Variante des sogenannten Free-Solo klettert, also wirklich komplett ohne Seile und Sicherungen, hat dieses Hin- und Her zwischen dem Bewusstsein der eigenen Fähigkeiten, dem Glauben an die eigene Kraft und der Angst, doch zu versagen, in einem Interview einmal so beschrieben:
„Vor jeder anspruchsvollen Free-Solo-Tour bin ich hin- und hergerissen. Ich bin überzeugt, dass ich es kann, aber mich überkommen auch schwarze Gedanken. Es tauchen Bilder vor meinem inneren Auge auf, wie ich einen Fehler mache. Ich stelle mir vor, wie ich abrutsche, lautlos durch die Luft falle, und dann: das plötzliche Aus.“ (2)
Jedem Trader dürften ähnliche Aussagen bekannt vorkommen. Dabei scheint das Bewusstsein der Gefahr und der Möglichkeit des Versagens ein wichtiges Regulativ, das übermenschlich erscheinende Leistungen erst möglich macht, weil es Bewusstheit, Konzentration, extreme Leistungsfähigkeit abruft. Auch im Trading gilt daher nicht die permanente rosarote Sonnenbrille, sondern das Bewusstsein der eigenen Fähigkeiten einerseits und der möglichen Risiken auf der anderen Seite.
Manchmal sehen wir aber auch, dass topausgebildete Experten in Phasen vermeintlicher Allmacht und Unschlagbarkeit Fehler begehen, die ihr System aus den Angeln heben. So geschehen in einer der schlimmsten technischen Katastrophen der jüngeren Menschheitsgeschichte: der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986. Dietrich Dörner hat in seinem Buch „Die Logik des Misslinges“ unter anderem die Zusammenhänge beschrieben, die diese Katastrophe ausgelöst haben. Faszinierend und schockierend zugleich: nicht marode Sowjet-Technik hat die Reaktor-Katastrophe von Tschernobyl verursacht, sondern menschliches Versagen. Interessanterweise war das Ingenieursteam mehrfach ausgezeichnet worden. Die diensthabenden Ingenieure waren als so etwas wie russische Superstars der Atomtechnik. In diesem Umfeld gefühlter Überlegenheit und Souveränität (das Fremdbild würde vielleicht von Arroganz und Realitätsverzerrung sprechen) kam es zu den fatalen Fehleinschätzungen, die letztlich zur Katastrophe führten.
Gerade in komplexen Systemen wie unseren heutigen Finanzmärkten können solche plötzlichen, zunächst vermeintlich unbedeutenden Veränderungen zu explosionsartigen Kettenreaktionen führen. Da wir als Trader Teil dieses Gesamtsystems sind, spielen solche Prozesse von persönlicher Wahrnehmungsfähigkeit, von Aufmerksamkeit und Bewusstsein, der bewussten Balance zwischen Anspannung und Herausforderung und Ruhe und Erholung eine massgebliche Rolle. Es sind letztlich die Menschen, die das System ausmachen.
Für Trader bedeutet das, selbstbewusst mit den eigenen Fähigkeiten und Kompetenzen umzugehen aber nie der Gefahr der drei grossen A‘s zu erliegen: AAA
• Arrgoganz
• Abgehobenheit
• Arriviertheit
Für unsere tägliche Trading-Arbeit bedeutet das: wenn wir uns voll mit unserer Tätigkeit identifizieren, wenn unsere Aufgabe unseren Neigungen, Stärken und Talenten entspricht, uns in gleichem Masse aber fordert – teilweise sogar bis an die Grenzen des Machbaren – dann kann ein Zustand von Trading-FLOW entstehen. Viele Trader, mit denen ich in Coachings spreche, bestätigen mir diese Phasen in ihrer täglichen Arbeit. Allerdings höre ich auch sehr oft, dass das letzte echte FLOW-Gefühl im eigentlichen Job schon viele Jahre her war.
Andreas Fritsch www.arbeitshelden.com
Anmerkungen:
1 Mihaly Csikszentmihalyi FLOW. Klett-Cotta 2002 ISBN 3-608-95783-9
2 Alexander Huber im Spiegel 31/2010, online unter
3 Dietrich Dörner: „Die Logik des Mißlingens: strategisches Denken in komplexen Situationen. Rowohlt, Reinbek 1989, ISBN 3-499-61578-9. Dietrich Dörnner beschäftigt sich als Psychologe unter anderem im Bereich der künstlichen Intelligenz mit der Modellierung und Simulation von Emotionen, Absichts- und Handlungsorganisation. Für Trader also eine spannende Literaturempfehlung. Dörner entwickelt nicht nur psychologische Theorien menschlichen Handelns und Fühlens, vielmehr testet er sie auch praktisch durch Umsetzung in Simulationssoftware und Vergleich der Ergebnisse mit dem Handeln realer Menschen. Dazu entwickelte er u.a. das bekannte Tanaland-Experiment , mit dessen Hilfe menschlicher Einfluss in komplexen Systemen untersucht werden kann. Es geht hierbei um eine fiktive afrikanische Region, deren Einflussgrößen durch Entwicklungshilfe verändert werden.
Seminartipp: Mentalcoaching für Trader – Inner Strenght (Stuttgart, 11. – 13 März): Details zu dieser Veranstaltung sowie eine Möglichkeit zur Anmeldung finden Sie hier



Die Artikel von Andy Fritsch mag ich sehr.
Geht mir auch so. Weil diese Artikel die Dinge ansprechen, die wirklich wichtig sind. Als reifer Trader merkt man rasch, dass die Antworten nicht in den Charts oder den Indikatoren, sondern vielmehr in einem selbst schlummern…
Ich habe vor Kurzem übrigens mit Harry Helnwein, seinerseits System-Trader und Trainer im trading netzwerk, gesprochen. Er hat was interessantes gesagt: er meinte, die größte Herausforderung im System-Trading liegt darin, mit einem lange Jahre erprobtem System richtig umgehen, das gerade nicht so gut performt. Ist man menatal nicht ausgeglichen, ist man rasch geneigt, alles zu ändern oder hinzuwerfen und dauern am System “herumzufummeln”. Wo wir wieder beim Thema mentale Stärke für Trader wären. Börse ist Psychologie, egal ob man Investor, diskretionärer Trader oder System-Trader ist.
Der seltene Zustand des Flow: Ich finde den Artikel auch klasse! Und eine tolle Buchempfehlung ist auch enthalten. Ich werde den Dörner gelegentlich lesen.
es ist sicher leichter “im Flow” zu sein, wenn sich ab und an der gewünschte Erfolg einstellt und man etwas Belohnung für die Mühe bekommt. In einem lange andauernden Tief, bei dem man schon nicht mehr weiß, was man eigentlich falsch macht, wird “im Flow” zu bleiben harte Arbeit an sich selbst. Und hier verbirgt sich dann die Gefahr, an eigentlich schon bewährten Abläufen “herumzuschrauben”.
Die Frage ist, wie man als angehender Trader “Erfolg” definiert. Bin ich nur dann erfolgreich, wenn ich Geld beim Trading verdiene? Auf lange Sicht ja, aber in der Ausbildungsphase?
Ich weiß, es ist schwer, sich erfolgreich zu fühlen, wenn es nicht läuft. Aber mit Verlaub Michael: Sie sind erfolgreich! Sie müssen erfolgreich arbeiten, denn sonst bringt man keinen Pareto von 31% zusammen. Egal – ob die Performance ev. (noch) nicht ganz so passt, wie man es haben will.
Wäre das Business einfach, würden alle im Trading erfolgreich sein. Die wenigsten sind es, daher glaube ich, müssen wir viele Glaubenssätze aus dem Alltag über Bord werfen, um Erfolg zu haben.
abgesehen davon, dass ich mich verrechnet habe (mea culpa): Das mit dem Über-Board-Werfen von gewachsenen Abläufen ist so ziemlich das Schwerste am Trading…
Aber ich arbeite dran!