Technische Analyse – das große Missverständnis
„Es gibt keine Möglichkeit, einen erwarteten Profit dadurch zu erzielen, dass man vergangene Veränderungen in zukünftige Preise extrapoliert – weder durch Betrachtung des Charts noch durch irgendwelche anderen esoterischen Hilfsmittel aus Magie oder Mathematik.“ Der das geschrieben hat, heißt Paul Samuelson und ist Wirtschaftsnobelpreisträger des Jahres 1970. Aktueller fasst Professor Dr. Martin Weber von der Uni Mannheim seine Meinung zusammen: Hinter Chartanalyse „steckt die Idee, dass man den Kurs eines Wertpapiers durch geschicktes grafisches Aufarbeiten vergangener Kursverläufe vorhersagen kann. Da malen also erwachsene Männer mit Bleistift und Lineal die Kursverlaufslinien von Wertpapieren mit Wimpeln, Trendlinien und allen möglichen anderen Figuren, in der Erwartung, auf diese Weise schnellstmöglich reich zu werden.“ (Genial einfach investieren, Campus-Verlag Frankfurt, 2007, S. 11) Und die „allwissende“ Wikipedia meint: „Chartanalyse ist eine Vielzahl einzelner Techniken, die eine Vorhersage zukünftiger Börsenkurse anhand historischer Kursentwicklungen (z. B. Trends) anstreben.“
Alles Bullshit. Zunächst einmal sei festgestellt:
1. Technische Analyse untersucht Kursverläufe der Vergangenheit – die Charts von morgen hat auch der Technische Analyst nicht zur Verfügung und von Kristallkugeln halten technisch orientierte Trader wenig.
2. Kurse enthalten alle Informationen.
3. Kurse sind im Einzelfall nicht prognostizierbar, bewegen sich aber in Trends, und diese bleiben in Kraft bis zum Beweis des Gegenteils.
4. Geschichte wiederholt sich, weil Menschen unter bestimmten Bedingungen vorhersehbar irrational reagieren.
Das Grundproblem der Gelehrten mit der Technischen Analyse besteht im fehlenden Verständnis für ihren Wirkungsmechanismus: Die Technische Analyse ist ein stochastisches Handwerk, keine kausale Wissenschaft. Stochastisch heißt: Zufällige Einzelereignisse (eben die einzelne Kursbildung) ergeben konsistente Ergebnisse (eben Trends). Es ist also keinesfalls Inhalt der Technischen Analyse, Kurse zu prognostizieren oder mit der „Kristallkugel“ auf die Jagd nach dem Jackpot zu gehen. Jeder Trader hat bereits die Erfahrung gemacht: An der Börse ist alles möglich – auch das Gegenteil. Daher machen Technische Analysten niemals Prognosen, sondern entwickeln aus dem Chart lediglich mögliche, mehr oder weniger wahrscheinliche, Szenarien.
Handwerk heißt: Technische Analyse ist keine Wissenschaft, sondern ein Hilfsmittel zum Geld verdienen.
Ganz wichtig: Wegen des stochastischen Charakters muss jeder Trader immer auf Alternativen vorbereitet sein, daher gilt: Ohne Risikomanagement ist Technische Analyse absolut wertlos. Warum funktioniert sie trotzdem? Die Technische Analyse ist die Geometrie der Massenpsychologie. Charts sind die „Fußabdrücke der Neurosen der Marktteilnehmer“, Bild gewordene Emotionen – und genau diese versucht der technisch orientierte Trader zu verstehen. Dieses Handwerkszeug möchte ich den Partnern des trading netzwerkes näher bringen, vor allem durch praktisches Tun, aber auch durch Erklärungen der Möglichkeiten und Grenzen der einzelnen Bestandteile der Technischen Analyse.
Keinesfalls will ich missionieren – wer eine andere Methode hat, um damit Geld zu verdienen – herzlichen Glückwunsch. Geld liegt an den Finanzmärkten genügend herum – für die technisch orientierten Trader genauso, wie für alle anderen.



Dem was Nils sagt möchte ich wenig hinzufügen: Hier im trading netzwerk sind unterschiedlichen Meinungen nicht nur erlaubt sondern gewünscht. Niemand hat die Wahrheit gepachtet und jeder muss herausfinden, welches Gedankengut ihn anspricht. Vergessen Sie nicht: viele Wege führen nach Rom (und oft kommt man auf der Reise drauf, dass man lieber wo anders hin gewollt hätte…).
Aus diesem Grund wurde dieses Thema von mir auch ganz bewusst zum Thema des Monats gekürt. Was sagen Sie zur Technischen Analyse?
Ihre Meinung ist gefragt – hier im trading netzwerk!
Das Thema ist spannend und ich bin hin und her gerissen.
Ich weiß, dass die technische Analyse vielen Tradern hilft, erfolgreich an den Märkten zu sein. Persönlich bin ich jedoch eher der Meinung, dass es ein Blick in die Kristallkugel ist und sich aus der Vergangenheit keine exakten Prognosen für die Zukunft ziehen lassen. Wobei der Autor ja schreibt, dass das nicht der Anspruch der TA ist, sondern eher mögliche Szenarien abgebildet werden.
Ich freue mich auf weitere tiefere Einblicke in das Thema!
Selber bin ich auch im Lager der Techniker zu finden. “Die Technische Analyse ist die Geometrie der Massenpsychologie”- viel präziser kann man die Ursache für die Gültigkeit der Methode wohl nicht ausdrücken. Aus dem Grund funktionieren auch Fibonacci-Levels,einfach weil eine Gruppe der Marktteilnehmer daran glaubt, sozusagen eine “self fulfilling prophecy”…was doch etwas nach dem Blick in die Kristallkugel klingt
Egal welche Methode man benutzt, rational betrachtet steht die Chance auf die richtige Bewegung zu setzen bei 50:50- aber wann verhält sich die Börse schon rational!?
Bis zu einem gewissen Grad funktioniert die TA weil im Prinzip alle Trader die Charts betrachten und sich sehr viele anhand der TA positionieren.
Ich habe hier auch schon vieles versucht,mein Problem war daß ich unterschiedliche Signale bekam und mehr verunsichert war,mittlerweile betrachte ich nur den Chart.
Mich freut das vielfältige Echo. Das schöne an der Börse ist doch: Es gibt kein “richtig” oder “falsch”. Alles, was ein Trader tun kann, ist, seine Wette zu platzieren. Worauf er seine Erwartung gründet, ist völlig subjektiv. Für den einen ist es TA, für den anderen News, für den dritten “Bauchgefühl” oder die Sterne. Hauptsache, man entscheidet vorher, wann man sich eingesteht, dass man falsch liegt. Und man verfährt hoffentlich immer nach dem gleichen “Schema”, um den statistischen Vorteil zu nutzen. Ich will das Auto nur fahren – ich will es nicht bauen. Hauptsache die Methode funktioniert. Ob man es dann TA oder Esoterik nennt, ist mir völlig egal, solange die Kasse stimmt.
Ich bin mit der technischen Analyse “groß” geworden. Mal mehr mal weniger erfolgreich. Meine Erfahrung hierzu ist, das alles im Kurs implementiert ist. Man benötigt das Verständnis für den Markt (Markttechnik). Mit diesem Fundament dient die Charttechnik als Hilfsmittel, ich würde sagen mentale Stütze…. schmunzel… Alles in allem benutze ich einen Candlesticks, Gleitenden Durchschnitt, Bollinger Band und das Verständnis für die Markttechnik, um meine Trades durchzuführen. Ich hab gemerkt weniger ist mehr. Und Indikatoren hab ich nie benutzt.
Moin
Immer wieder liest man – auch bei Thomas Vittner – dass die Wahrscheinlichkeit einer Kursentwicklung bei 50/50 läge. Irgendwie erscheint es mir nicht logisch: Im Tick-Chart z.B.: Kurs hoch, bleibt, fällt; sind schon mal 3 Möglichkeiten. Noch deutlicher wird es beim Swing-Trading mit 1R. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Trade sich +1R bzw. -1R entwickelt, ist doch nicht 50%, oder? z.B. steigen Kurse auf +0,9R um auf -1R abzufallen. Gibt es hier einen Mathematiker, der das beleuchten kann? danke
blacktrader
Hallo frese!
Du hast recht, prinzipiell besteht eine dritte Möglichkeit der Kursentwicklung: Seitwärts. Aber die stellt weder einen Vorteil noch einen Nachteil für den Trade dar, weswegen ich so eine Situation eher als Sonderfall bezeichnen würde(kommt in liquiden Märkten auch recht selten vor).
Aus mathematischer Sicht lässt sich die 50:50 Chance damit begründen, dass letztlich der Markt nur zwei Richtungen einschlagen kann. Beim Münzwurf ist es ähnlich, dort besthet auch nach 100 Mal Kopf eine 50:50 Wahrscheinlichkeit, dass ein weiteres Mal Kopf folgt, auch wenn die Erfahrung gelehrt hat, dass so etwas sehr sehr unwahrscheinlich ist.
Harry Helnwein hat dazu im Forum bei “System Trading-Stocks” ein interssantes Münzwurfexperiment gepostet!
Auch wenn man bei der technischen Analyse versucht die Erwartungen der Marktteilnehmer in eine Prognose um zu münzen, kann es immer passieren, dass bei dem perfekten Setup der Kurs trotzdem das Gegenteil macht.
Lg