Gedanken zu meinem Trading System – Teil 2
Grundsätzlich halte ich wenig von Backtests. Ständig denke ich dabei an einen Workshop (als ich noch in der Versicherungsbranche gearbeitet hatte), wo wir in der Fachabteilung dem Vertrieb die aktuellen Schadensstatistiken im KFZ Bereich präsentierten (und somit eine Prämienerhöhung durchsetzen wollten). Wir hatten damals ein dermaßen gutes Bestands- und Reportingsystem, dass wir die Schadenverläufe sogar nach der Farbe der versicherten Autos darstellen konnten. Und mein Kollege, der für den KFZ Bereich verantwortlich war, spielte tatsächlich mit dem Gedanken, diese Zahlen zu veröffentlichen… Sie kennen diese Zeilen? Richtig: im Oktober 2010 gab es Teil 1 dieser Geschichte, und in der Zwischenzeit ist einiges Wasser die Donau hinuntergeflossen…
Meine im Trading wohl wichtigste Erfahrung in den letzten Monaten war, dass ich einen gewissen Zugang zum Systemtrading gefunden habe. Verantwortlich dafür ist in erster Linie Harry Helnwein, „Trading Engineer“ und in der Zwischenzeit fleißiger und erfolgreicher Trainer im trading netzwerk. Harry lebt von seinem Trading und von der Trading – Systementwicklung, und bewirkte bei mir in vielen Belangen ein radikales Umdenken.
Aber lassen Sie uns zunächst ein paar Monate zurück schauen und bei Teil 1 der Geschichte anknüpfen, den Sie hier in der trading redaktion ja schon lesen konnten. Sascha König (ebenfalls in der Zwischenzeit Trainer im trading netzwerk) und sein Kollege wurden von mir also im Detail in mein Trading System eingeführt, und nach einigen Diskussionen und anfänglichen Schwierigkeiten fanden wir tatsächlich Möglichkeiten, mein System mit genauen Regeln zu beschreiben, sodass im ersten Schritt zumindest eine Teilautomatisierung möglich schien.
Wir begannen dabei, auf den Gesamtchart weniger Achtsamkeit zu legen, sondern konzentrierten uns vielmehr auf die letzten Handelstage. Wir negierten zum Beispiel bei der Wahl des Entrys, ob wir uns in einer Bewegung oder in einer Korrektur befinden genauso wie das exakte Retracement des Swings, und so wurde mein System Schritt für Schritt erfasst.
Sascha tätigte auch eine interessante Aussage: „Dein Swing – System ist mit allem Drumherum eines der komplexesten Tradingsysteme, das ich kenne“. „Hmmmmm“, meinte ich, „Aber das versteht doch jeder 12 – jährige?“. „Das schon“, sagte Sascha, „aber ein Computer ist viel dümmer als Mensch…Ein Computer kennt nur ja oder nein, deswegen ist es zwar möglich, dein System zu programmieren und in weitere Folge backzutesten, aber gleichzeitig auch enorm aufwendig. Darüber hinaus brauchen wir Intraday-Kursdaten, weil du mit Deinem Entry ja immer die ersten 30 Minuten verstreichen lässt. Diese Daten sind zwar grundsätzlich zu beschaffen, allerdings macht es das Ganze extrem arbeitsintensiv.“
Und ich wusste natürlich, was er damit meinte: …und ich habe dafür leider keine Zeit, auch wenn es mir Spaß machen würde. „Denn in Wahrheit“, so führte Sascha weiter aus, „verwenden die Insti (er meinte damit die Institutionellen Händler) weitaus einfachere Systeme wie du.“ Ungläubig blickte ich ihn an. Hedgefonds oder Pensionskassen verwenden einfachere Systeme wie ich? Das kann doch nicht sein. „Die arbeiten handelstechnisch oft mit ganz simplen Logiken“, sagte Sascha.
„Was bei denen extrem aufwendig ist, ist deren Risikomanagement. Nichts ist da mit 1% oder weniger Risiko je offener Position. Das reicht denen bei weiten nicht. Aber andererseits: vieles geschieht in diesem Bereich manchmal, um den Investoren eine Sicherheit vorzugaukeln, die es ohnehin nicht zu 100 % gibt. Das simple Risikomanagement, dass Du betreibst, reicht völlig aus.“ Diesen Teil des Gesprächs fand ich besonders interessant.
Nachdem wir uns im Anschluss noch eine Weile über die Märkte und das Fondsmanagement unterhielten (und ich einige spannende Dinge erfuhr), war es schließlich Zeit für mich, den Nachhauseweg anzutreten. Als ich in der U Bahn saß, ließ mich der Gedanke, mein Trading in ein fix und fertiges System zu gießen, nicht mehr los, denn jetzt hatte mich das Fieber gepackt. Aber natürlich konnte ich von Sascha nicht verlangen, dass er sich ein paar Wochen frei nimmt, um diesen Job zu übernehmen. Und selbst konnte ich es nicht, weil ich nicht genügend Programmierkenntnisse hatte. Was also tun?
Wie es der Zufall so wollte, lernte ich ein paar Wochen später Harald Helnwein kennen, der mich deshalb kontaktierte, weil er auf meine Homepage gestoßen war, meine Texte mochte und Lust verspürte, sich im trading netzwerk einzubringen und Synergien zu nutzen, wie er es damals ausdrückte.
Nach einem telefonischen Erstkontakt trafen wir uns in meinem „Büro“, dem Cafe Ritter auf der Wiener Mariahilferstraße und fachsimpelten bei einer Melange und einem Kipferl. Harry war mir von Anfang an sympathisch, und ich merkte, dass er fachlich echt gut drauf war. Ich erzählte ihm bald von meinen jüngsten Erfahrungen mit den beiden Fondsmanagern, und da die Systementwicklung zu seinem Spezialgebiet gehört, lauschte er gespannt meinen Worten. Als ich ihm im Laufe des Gesprächs meine Meinung zur Sinnhaftigkeit von Backtests erzählte, fragte er mich etwas, was in mir ein radikales Umdenken bewirkte:
„Thomas: wenn ich Dir ein System zeige, dass über 15 Jahre hinweg backgetestet wurde, und das dabei in jedem Jahr negative Ergebnisse produziert hätte, würdest Du dieses System dann trotzdem handeln?“
Bäng!
Betrachtet man einen Backtest aus dem Blickwinkel „was funktioniert über Jahre hinweg nicht“, macht es nach meinem Marktverständnis durchaus Sinn, sich damit auseinanderzusetzen.
„Natürlich nicht! Warum sollte ich mein Geld in den Papierkorb werfen?“ war meine Antwort und merkte zugleich, dass er da einen Nerv von mir getroffen hatte.
„Lässt das für Dich folgenden Umkehrschluss zu“, meinte Harry: „wenn es hingegen ein System gibt, dass in den letzten 15 Jahren in jedem Jahr Gewinne erzielt hätte, würdest Du das traden?“
„Naja….“ Da gingen mir wohl die Argumente aus. Denn wenn ich einerseits ein über Jahre hinweg schlechtes System nicht traden würde, wäre es nur konsequent, ein System, dass über Jahre hinweg gut performt (meines?…) zu programmieren und dann auch computergestützt zu handeln.
„Siehst Du“, meinte er, „und genau das ist mein Job: die Programmierung von Trading Systemen, und ich glaube, wir beide können uns gegenseitig weiterhelfen.“
Rasch war ein neues Treffen angesetzt, und dabei entstanden erste Gedanken zu einem fix und fertig programmierten „Vittner Trading System“. Aber davon soll Harry selbst erzählen – am besten hier in der trading redaktion in wenigen Tagen. Lassen Sie sich überraschen.


