Rohstoff-Trades: Wegen Überfüllung geschlossen?
Es wurde viel orakelt in den vergangenen Tagen über die Gründe für den “plötzlichen” Preisverfall bei Rohstoffen. Die Technische Analyse befreit von diesen Kopfschmerzen. Sie fragt nicht nach dem Warum. Sie warnt rechtzeitig.
Viele Rohstoffcharts sahen in der vergangenen Woche aus, wie der hier abgebildete. Stark steigende Kurse waren sichtbar, kaum Korrekturen in den vergangenen Monaten.Kurz vor dem rechten Rand des Charts fällt eines auf: Die Kurse hatten sich extrem weit von der Zone des fairen Wertes entfernt.
Wie wird dieser “faire Wert” ermittelt? Im Wochenchart nutze ich dafür einen 13- und einen 26-Wochen Exponentiellen Gleitenden Durchschnitt (EMA). Diese Zeiträume repräsentieren ein Kalenderquartal und ein Kalenderhalbjahr. Die Überlegung dahinter ist simpel: Der augenblickliche Kurs stellt den Preis dar, zu dem ein Gut im Augenblick an den Märkten den Besitzer wechselt – eine Momentaufnahme. Die EMAs hingegen geben ein “Abstimmungsergebnis” des letzten Vierteljahres bzw. Halbjahres wieder: Wo stünde der Kurs, wenn alle Marktteilnehmer der besagten Periode ihren “Lieblingspreis” nennen dürften. Die faire Bewertung ist also hier kein fundamentalanalytisch definierter Kurs, sondern aus dem Verhalten der Marktteilnehmer über einen bestimmten Zeitraum abgeleitet. In der Regel ergibt sich eine Differenz zwischen dem Preis (was Käufer augenblicklich zu zahlen bereit sind bzw. als Verkäufer verlangen können) und dem Wert (was über einen gewissen Zeitraum geboten bzw. bezahlt wurde). Dieser Unterschied weitet sich in gewissen Zyklen aus, die “Masse” übertreibt nach oben oder unten. Früher oder später kehrt der Preis aber zum Wert zurück und das Spiel beginnt von neuem. Kaufleute versuchen immer, nicht zu viel zu bezahlen. Deshalb finden in der Nähe des fairen Wertes die Preise eine Unterstützung, weil die professionellen Käufer hier auf Schnäppchenpreise lauern. Der Laie hingegen kauft, wenn es in der Zeitung steht – er zahlt einen Preis, in dem viel Euphorie eingepreist ist. Nur leider hat diese Euphorie die Eigenschaft, immer wieder schubweise zu entweichen.
In den Rohstoffmärkten wird das Phänomen der Fluktuation der Preise um den Wert noch verstärkt. Hier handelt es sich nämlich um relativ illiquide Märkte. Das hat Folgen: Steigt ein Rohstoffpreis, so springen immer mehr Spekulanten auf diesen Trend auf. Diese müssen ihre Positionen vor dem Liefertermin der entsprechenden Futures-Kontrakte schließen, sonst können sie nach Auslaufen des Kontraktes den Rohstoff angedient bekommen. In der vergangenen Woche war der Boden ohnehin charttechnisch reif für eine Korrektur. Die Zeitungen waren voll von Warnungen vor steigenden Ölpreisen, Silber sorgte immer wieder für Schlagzeilen, Gold hatte ein neues Allzeithoch erreicht, Inflationsängste wurden thematisiert. Dazwischen platzten einige andere Meldungen: Hedgefond-Star George Soros verkündete, er würde aus Rohstoffen aussteigen. Die Sicherheitsleistung (Margin) für Silber-Futures wurde drastisch erhöht. Wozu führt das? Gerade Hedge-Fonds, aber auch ETFs und passive Fonds (die einfach nur den Preis des Rohstoffs 1:1 abbilden) arbeiten häufig mit viel Fremdkapital und mussten so Positionen verkleinern, um die Margin noch stellen zu können. In einem wenig liquiden Markt fallen solche massiven Verkäufe natürlich besonders auf und bringen die Preise unter Druck. Das führt dazu, dass weitere Long-Positionen in den Verlust rutschen. Weitere Margin-Calls folgen – es müssen wieder Positionen liquidiert werden. Die Spirale kommt in Gang – alle wollen durch die gleiche Tür aus dem Markt. Das Gedränge ist unerträglich. Die Kurse kollabieren.
Dieses Phänomen ist seit Mitte der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts immer wieder zu beobachten. Fachleute sprechen hier von “überfüllten Trades”. Haben sich viele Marktteilnehmer in eine Richtung positioniert, wird das Schließen der Positionen zum Problem – es gibt nämlich nicht mehr ausreichend Marktteilnehmer, um die Positionen zu übernehmen. In großem Stil hat das beispielsweise die Pleite des Hedgefonds LTCM 1998 beschleunigt (wobei der nicht in einem illiquiden Rohstoffmarkt unterwegs war). Gerade aber der Silbermarkt ist für solche Preismanipulationen berühmt – oder berüchtigt? Egal: Wer Charts lesen kann, der weiß, wann die Zeit für einen Einstieg günstig ist und wann nicht. Und in der ersten Mai-Woche war die Zeit für einen Einstieg eben denkbar ungünstig.



