Machen Sie Ihre Hausaufgaben, aber nicht erst im Schulbus!

 

Vor einigen Tagen fuhr ich mit der U6 quer durch Wien, da ich zeitig in der Früh einen Termin am anderen Ende der Stadt hatte. Da mir langweilig war, beobachtete ich ein paar Jugendliche, die auf der Fahrt zur Schule scheinbar noch rasch ihre Hausaufgaben machten und dementsprechend hektisch wirkten. Das waren noch Zeiten, dache ich, als ich damals im Bus auch noch schnell meine Hausaufgaben schrieb. Ich begann darüber zu sinnieren, wie sehr sich meine Einstellung doch geändert hatte. Wohlgemerkt als Trader.

Früher neigte ich dazu, die Dinge immer erst zwei Minuten vor 12 Uhr zu erledigen. In der Schule die Hausaufgaben, daheim die Einkäufe und im Job alles andere. Erst wenn ich kurz vor dem Abgrund stand und nicht mehr aus konnte, wurde ich aktiv. Doch ohne es bewusst zu bemerken, hatte sich die Lage geändert. Heute bin ich ein im Eigenhandel tätiger Trader. Ich muss zum Glück keine Hausaufgaben mehr machen (oder zumindest nur solche, die ich mir selbst auferlege), ich muss im Job keine Gesprächsprotokolle mehr schreiben und ich muss auch sonst (fast) gar nichts mehr. Aber ich will! Weil es mich interessiert. Und deswegen bin ich vorbereitet – so gut wie nie – und das noch dazu freiwillig!

Die Märkte eröffnen um 9 Uhr. Da ich in den ersten 30 Minuten nicht handle beginnt mein Arbeitstag eigentlich erst um 9.30 Uhr. Als Trader habe ich keine Stechuhr und werde nicht nach Zeit sondern nach Leistung bezahlt. Daher würde es genügen, wenn ich jeden Tag erst um 9.25 den PC hochfahre. Da der Vittner Screener mir alle Signale ja am Silbertablett präsentiert, ist sogar das vorbörsliche manuelle Marktscreening hinfällig. Zumindest theoretisch ist das so. Aber was mache ich praktisch?

An den meisten Tagen sitze ich ab 7 Uhr vor dem Rechner. Nachdem ich meinen Posteingang auf wichtige Nachrichten geprüft habe, ist das erste, was ich täglich tue, meine Handelsplattform zu starten. Ich prüfe kurz die Headlines, dann sehe ich mir die Kursverläufe der Futures an. In weitere Folge gehe ich das Reporting meines Brokers durch und trage alle geschlossenen oder neuen Trades des Vortages in mein Journal ein. Ich will up to date sein, damit ich genau sagen kann, wo ich stehe und was derzeit funktioniert oder nicht.

Als nächstes prüfe ich meine offenen Trades. Ist der Stopp korrekt platziert? Stimmt die Stückzahl an gehandelten Einheiten? Gibt es Orders von gestern, die nicht abgeholt wurden und die ich löschen muss? Wie hoch waren die Finanzierungskosten? Hat der Broker richtig gerechnet? (Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser).

Wie sieht meine Long/Short Gewichtung aus? Muss ich manuell eingreifen? Mit welcher Eröffnung kann ich rechnen? Halten meine Stopps oder soll ich sie temporär beim Open entfernen? Wie sieht meine aktuelle Performance aus? Im Monat, im Jahr, in der Woche? Läuft der Markt in normalen Bahnen oder braut sich etwas zusammen? Autopilot oder manuelle Steuerung? Und dann ist es oft erst 8 Uhr morgens…erst dann hole ich mir meinen zweiten Kaffee (den ersten brauche ich gleich beim Aufstehen, sonst geht gar nichts). Und dann nehme ich mir die Zeit, online die Tageszeitung zu lesen. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Wie sich die Dinge doch ändern, wenn man etwas wirklich will.

Spätestens um 8.55 Uhr habe ich mir alle deutschen Signale aus dem Screener durchgesehen (die kommen täglich ab 8.45 Uhr). Sofort werden die entsprechenden Watchlisten in meiner Handelsplattform erstellt. Ich filtere alle Earnings und solche Werte, die unter einer bestimmten Mindestnotierung stehen. Und dann ist noch immer Zeit, den Open zu beobachten, wenn ich dazu Lust habe denn nötig ist es vielfach nicht. Bis zum eigentlichen Trading Session um 9.30 bleibt also noch immer etwas Restzeit.

Ich bin vorbereitet auf den Tag. So gut ich in einem chaotischen Umfeld wie den Märkten mit den Möglichkeiten eines privaten Traders vorbereitet sein kann. Ich habe meine Hausaufgaben gemacht – lange bevor die Märkte eröffnen. Und dann warte ich auf den Gong! Wie steht es um Ihre Vorbereitung? Machen Sie das auch alles rechzeitig? Ach, Sie sind berufstätig und haben nicht die Zeit? Faule Ausrede: ich war jahrlang als Nebenberufstrader tätig. Manche der oben beschriebenen Tätigkeiten erledigte ich bereits am Vorabend. Manches in der Nacht. Ich wollte vorbereitete sein, also war es keine Arbeit für mich sondern ein Vergnügen.

Wenn Sie sich täglich dazu zwingen müssen, sich auf die Märkte vorzubereiten dann gehen Sie in sich und überlegen, ob Sie das Trading wirklich interessiert oder ob Sie nur auf die rasche Kohle aus sind. Haben Sie eigentlich kein Interesse an dem was Sie tun, merken Sie es in erster Linie daran, wie gut Sie gerüstet sind. Von alleine – und freiwillig. Nicht weil Sie es müssen, sondern weil Sie es so wollen.

Seit fast drei Jahren bin ich mit meinem Trading selbständig. Seither gilt für mich: ich arbeite nicht mehr. Ich habe nur noch Spaß an dem, was ich tue. Deswegen bin ich vorbereitet – weil es mir Freude macht. Nicht das Geld verdienen bereitet diese Freude, das ist ein angenehmer Nebeneffekt. Die Tätigkeit selbst füllt mich aus! Ist das bei Ihnen genauso?

Ich hoffe es. Sonst wird es mit Ihrem Trading nichts. Unter Garantie!

 

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