002 – Vittner goes Back to School

 

Es gibt Tage, die einschneidende Momente im Leben darstellen, was man für gewöhnlich jedoch erst im Nachhinein bemerkt. Bei mir war so ein Tag der 11. Oktober 2010. Der Zeitpunkt liegt also etwas mehr als ein Jahr zurück, doch schon jetzt kann ich behaupten, dass dadurch in meinem Trading kein Stein mehr auf dem anderen blieb. Verantwortlich dafür zeichnet sich ein gewisser Harry L. Helnwein und eine E-Mail von ihm, die ich um 7 Uhr Früh noch mit verschlafenen Augen bemerkt hatte.

Nachdem um diese Zeit an den Märkten noch nichts los war und für das manuelle Screening noch etwas Zeit blieb, startete ich als erstes mein Emailprogramm. Es war Montagmorgen und erfahrungsgemäß sammelten sich über ein Wochenende einige Nachrichten in meinem Posteingang an.

Dabei fiel mir die Mail eines unbekannten Absenders auf: Harry L. Helnwein. Er stellte sich mir als Systemtrader vor und wollte sich mit mir mal treffen, vielleicht auch um „Synergien zu nutzen“ und mich kennen zu lernen, weil er in einer Wiener Buchhandlung mein Buch „Die Tradingakademie“ gekauft hatte. Als Harry bemerkt hatte, dass ich so wie er aus Wien stammt kam ihm der Gedanke, mich anzuschreiben. Wenig begeistert schloss ich jedoch zunächst seine Mail, um mich dringlicheren Themen zu widmen, die alle ohnehin schon länger anstanden.

Trotzdem ließ mir diese Mail keine Ruhe. Warum nicht, dachte ich, und schlug Harry einen Termin für ein Treffen vor. Es sollte am Freitag den 15.10.2010 um 10 Uhr im Café Ritter auf der Wiener Mariahilfer Straße stattfinden. Und es sollte nicht unser letztes bleiben.

Nach einem gemeinsamen Frühstück bei dem Harry Ei im Glas bestellte (ich weiß nicht mehr, warum ich mich auch daran erinnere) einigten wir uns auf eine nachhaltige Zusammenarbeit: Harry wurde Trainer im trading netzwerk, weil ich sofort seinen Wert für das Projekt erkannte.

Natürlich reden Trader nicht nur, aber doch sehr häufig über Trading, und das war auch bei uns der Fall. Wir erkannten, dass unsere Strategien (Swings oder Reversals) bzw. Märkte (Aktien) sehr ähnlich waren, obwohl wir ausführungstechnisch doch ganz anders an die Sache (System vs. diskretionär) heran gingen. Das machte es aber umso interessanter und jeder von uns begann, sich für das Trading des anderen zu interessieren.

Harry beeindruckte mich dabei mit tiefem Wissen über die Märkte und die Zusammenhänge. Er hatte einfach auf alles eine fundierte Antwort. So tauschten wir Erfahrungen über das Business des anderen aus und diese Einblicke waren überaus spannend. Interessanter Weise musste ich Harry nicht davon überzeugen, dass mein Swingtrading so wie ich es praktiziere erfolgreich ist. Er wusste das schon lange, bevor er meinen Track Record sah, weil er aufgrund seiner Erfahrung (und den unzähligen Backtests) informiert war, dass ich „das Richtige“ traden würde, auch wenn ich es nicht so analytisch anging wie er.

Screener

Ein Monat später hatte Harry dann eine geniale Idee, die letzlich nicht nur mir eine kostbare Stunde pro Tage an Tradingvorbereitung ersparen sollte, sondern die es auch anderern Tradern ermöglicht, meine Aktienvorauswahl fix und fertig, täglich vor Börsenbeginn zu bekommen: Die Automatisierung meiner Signalsuche nach den typischen “Vittner Kriterien“ um die Vorbereitungszeit zu reduzieren, für mehr Duplizierbarkeit und um Emotionen zu beseitigen.

Diese gemeinsame Arbeit fand ich von Anfang an faszinierend. In vielen persönlichen Gesprächen und stundenlangen Skype Telefonkonferenzen legten Harry und ich fest, wie – in Computersprache – meine Trading Logik im Hinblick auf die Signalsuche aussieht. „Du Harry, die Kerze hat einen um den Hauch zu großen Körper, da sind High und Low zu weit voneinander entfernt und dort ist der Rücklauf zu klein.“ Und so ging es weiter. Tage und Wochenlang.

Und dann war der Screener fertig. Er war perfekt. Dieses Tool war also das erste Mosaikstück, das mich dem Systemtrading näher brachte, denn durch die Arbeit mit Harry lernte ich auch seine Tools kennen, und diese Programme und deren Möglichkeiten fand ich unglaublich. Wie oft kommt es vor, dass der S&P 8 Tage in Folge fällt? Wissen Sie es? Ich nicht. Harry schon – natürlich nicht er selbst. Seine Computer wissen es. Er braucht nur auf den Knopf zu drücken. Wie lange ist die statistisch ideale Haltedauer auf der long Seite nach Entry X? Kein Problem, Harrys Rechner kennen die Antwort. Wie funktioniert Strategie Y besser, mit Stopp Loss oder mit Time Based Exit usw. Taugen Fibonaccis oder nimmt man doch besser den RSI, weil er gehäuft bessere Entrys produziert. Welche Lookback Periode etc. (auf all das und noch mehr kommen wir noch zu sprechen).

Systemtrading – oder wie es Harry gerne nennt – Trading mit System war eine Trading Welt, die ich bisher nicht kannte. Und wenn man sich mit diesem Thema näher beschäftigt, stößt man unausweichlich über das so genannte Backtesting (darüber werden wir auch noch sehr viel sprechen).

Wie man von mir weiß, war ich sehr skeptisch, was diese Analysemöglichkeit betrifft und so verbarg ich auch Harry gegenüber meine Zweifel nicht. Doch dann stellte er mir eine ganz entscheidende Frage, die bei mir ein erstes, damals noch vorsichtiges Umdenken einleitete.

„Würdest Du ein Handelssystem manuell traden, das in einem Backtest über 15 Jahre in allen Jahren negativ performt?“

„Natürlich nicht“ lautete meine Antwort. „Ich werfe mein Geld doch nicht aus dem Fenster“. Und es machte etwas leise „klick“ in mir. Zeitgleich fürchtete ich schon Harrys nächste Frage, die in diesem Fall unvermeidlich war. Und sie kam – mit aller Härte:

„Würdest Du dann im Umkehrschluss ein System handeln, dass in einem Backtest in 15 Jahren in jedem Jahr positiv performt hat“.

Nun ja – ich zögerte mit meiner Antwort, obwohl sie natürlich auf der Hand lag.

„In jedem Fall“ erwiderte ich.

Und ab diesem Zeitpunkt war vieles anders.

Back to School

Und so war es nur noch eine Frage der Zeit, Harry zu bitten, ob er mich als Coach in seine Welt des computergestützten Börsenhandels einführen würde. Trotz meiner ursprünglichen Skepsis diesem Thema gegenüber begab ich mich nun sozusagen wieder auf die Schulbank – freiwillig und voller Freude mein Tradingwissen zu erweitern. Harry willigte ebenso begeistert ein und wir beschlossen, Sie liebe Leser in diesen Prozess miteinzubinden, in dem wir über unsere gemeinsamen Erfahrungen berichten und dabei Vorurteile beiseiteschaffen wollen.

Folgen Sie uns in eine Reise hinein in die Welt des Systemtradings.

Im nächsten Beitrag von mir werden wir darüber reden, welche Hürden gleich zu Beginn auf mich lauerten, warum es keinen Sinn macht, als ersten Schritt das diskretionäre Vittner System backzutesten, was Backtesting überhaupt bedeutet, ob ich weiterhin noch diskretionär trade und wie man sich überhaupt diesem Thema nähert und wo die Fallen für einen Anfänger lauern. Doch bevor wir das tun wird Ihnen Harry Helnwein erzählen, wie er unser Kennenlernen erlebt hat und wie er über dieses Projekt, über das diskretionäre Trading sowie über den computergestützten Börsenhandel denkt.

Natürlich sind wir uns bewusst, dass die Bezeichnung „Systemtrading“ manchen abschreckt. Doch wir möchten Ihnen zeigen, dass das zu Unrecht der Fall ist. Es geht bloß darum, mehr über die Märkte und deren Funktionsweise zu erfahren. Eben zu wissen, wie man welche Märkte Handeln kann. Was funktioniert und was nicht. Ohne zu raten sondern vielmehr mit Fakten und Know-how.

In erster Linie ist das natürlich Harrys Know-how, aber auch mein Wissen wird in diesem Projekt in die Waagschale geworfen! Denn natürlich lernen wir beide voneinander (und Sie hoffentlich von uns) und die Interaktion eines Profis im Bereich der Systementwicklung mit einem erfolgreichen diskretionären Trader macht die Sache erst so richtig interessant.

Freuen Sie sich in den nächsten Wochen über spannende Einblicke und Erkenntnisse aus einer neuen Trading Welt!

Bitte verfolgen Sie unsere Berichte zum Projekt direkt auf dieser Seite: HelnweinTrading.com

Lesen Sie gleich auch Harry‘s Beitrag über unsere erste Begegnung: Helnwein & Vittner – Das erste Treffen

 

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