@mirko
Hi Mirko,
Dein Posting hat mich angeregt, über Deine Situation etwas nachzudenken. Für mich hört sich das so an, dass Du durch die Lehman-Krisen-Verluste schlichtweg “Misserfolgsfurcht”, konkret, Furcht vor Verlusten entwickelt hast. Da ich seit vielen Jahren im psychologischen Bereich tätig bin, erlaube ich mir einfach mal, hier meinen Senf dazuzugeben.
Ich glaube, dass der Umgang mit Verlusten ein extrem wichtiges Thema für das Trading ist.
Im Sport ist der sogenannte Mangel an Selbstvertrauen ja auch im Prinzip eine Sorge, nicht erfolgreich zu sein. Wenn man sich in einem solchen Misserfolgsvermeidungsmodus befindet, kann man sich an 5 Fingern ausmalen, was passiert: Man hat keinen guten Zugriff auf seine Ressourcen (Wissen, Mut, Entscheidungsfreude u.a.) und möchte am liebsten nur das Spielfeld verlassen (ob nun mental oder real). Selbstvertrauen, beim Trading Vertrauen in die eigene Strategie, sind also extrem wichtig, um überhaupt gut zu performen.
Wie erarbeitet man sich aber Selbstvertrauen: Im Sport bekommt man häufig die Antwort: “Über Erfolge”.
Nimmt man das mal zum Ausgangspunkt, dann würde ich Dir raten, eine Strategie auszuarbeiten und diese im Paper-Trading ausgiebig zu untersuchen. Ich weiss, dass viele Trader der Meinung sind, dass Paper-Trading nichts mit der Live-Trading-Situation zu tun hat, doch finde ich, dass man das differenzierter sehen muss. Nur wenn eine Strategie im Paper-Trading- erfolgreich ist, würde ich überhaupt den Schritt ins Trading mit echtem Geld wagen. Erfolg im Paper-Trading erscheint mir als eine notwendige, nicht aber als hinreichende Bedingung für den Erfolg mit echtem Geld.
Wie ja auch Carsten Umland sagt, würde auch ich dir raten, besonderes Augenmerk auf Dein Risikomanagement zu legen. Wieviel Risiko bist Du bereit einzugehen? Wenn Du sehr risiko-avers bist im Moment, könnte es sein, dass ein System mit hoher Win-Rate (Prozentsatz erfolgreicher Trades) und niedrigem Profittarget und moderaten Stopps passen könnte. Aber das muss man natürlich selbst entwickeln und in der Simulation erproben. Ich würde auch nie ein System eines anderen Traders nachtraden (ich weiss jetzt nicht, wie Du tradest), sondern dies allenfalls als solide Grundlage meines Systems nehmen, an die ich mich vielleicht anlehnen kann. Denn: Es geht ja um Vertrauen in die eigene (!) Strategie. Nur was ich selbst erprobt habe und was ich mir am besten auch durch eigenes Ausprobieren angeeignet habe, kann etwas sein, dem ich vertraue. Harry schreibt in seinem Artikel, dass das Selberdenken eben auch ein entscheidender Faktor für den Erfolg beim Traden ist. Ich sehe das genauso (womit ich Dir um Gottes Willen nicht das Gegenteil unterstellen will).
Das Erarbeiten einer Strategie mit Hilfe von Backtesting-Software ist natürlich ein optimaler Weg, um Risiken für sich einschätzen zu lernen. Da es bei Misserfolgsfurcht/Verlustangst im Prinzip immer um das Wiedererlangen von Kontrolle geht, könnte das auch ein guter Weg sein. Systematisierung und Erfahrung (die man ja beim Backtesten in statistischer Form macht) schaffen Kontrolle!
Aber – natürlich bleibt auch für den Systemtrader die Anforderung mit Verlusten besonnen umzugehen. Aber das ist ein spannendes neues Thema, zudem ich demnächst mal ein paar Überlegungen einbringen möchte.
Ich hoffe, dass kam jetzt nicht zu belehrend oder klugsch… rüber…das sind einfach so die Ideen, die ich dazu habe.
Beste Grüße
Phil